Viele Hundehalter interpretieren die Signale ihrer Vierbeiner falsch. ABER: „Tolerieren ist nicht mögen“ – dieser wichtige Grundsatz hilft uns dabei, die wahren Bedürfnisse unserer Hunde zu erkennen.
Beschwichtigungssignale erkennen und respektieren
Wenn ein Hund den Kopf abwendet, „Walaugen“ zeigt oder sich die Lippen leckt, sind das oft Beschwichtigungssignale. Viele Hunde ertragen unangenehme Situationen und senden diese Signale, die jedoch häufig übersehen oder fehlinterpretiert werden. Es ist daher wichtig, diese Signale zu kennen und im Kontext, also in der jeweiligen Situation zu beurteilen.
Das klassische Beispiel: Umarmen bedeutet für Hunde oftmals Stress. Was wir Menschen als Zuneigung empfinden, kann für unseren vierbeinigen Partner eine bedrohliche Situation darstellen. Ein Hund, der sich „umarmen lässt“, toleriert diese Situation möglicherweise nur – genießt sie aber nicht.
Ein anderes Beispiel: wir wollen unseren Hund loben und etwas Gutes signalisieren streicheln ihm über den Kopf – für unseren Hund ist das aber nicht angenehm und letztlich „strafen“ wir ihn fast mit diesem Streichler und erreichen eher das Gegenteil von dem, was wir eigentlich wollen. Hier ist es also wichtig, genau hinzusehen (oder eine Situation zu filmen), um zu erkennen, wie kommt das tatsächlich bei unserem felligen Freund an.
Kooperationssignale im Tiertraining – warum „Mitreden“ besser ist als Aushalten
Im modernen Tiertraining setzen wir zunehmend auf sogenannte Kooperationssignale oder „Start‑Button‑Verhalten“. Damit kann ein Tier aktiv anzeigen: „Ich bin bereit, du kannst anfangen“, etwa durch eine Kinnablage, das Berühren eines Targets oder das Einnehmen einer bestimmten Position.
Der zentrale Unterschied zur klassischen Fixierung bzw. „der lässt das mit sich machen“ besteht darin, dass das Tier jederzeit aussteigen darf: Löst es das Signal auf – etwa indem es den Kopf hebt oder vom Target weggeht – wird die Behandlung sofort unterbrochen. Diese Wahlmöglichkeit erhöht die Vorhersagbarkeit und Kontrolle für das Tier, senkt nachweislich Stress und Abwehrverhalten und fördert echte Kooperation statt bloßer Duldung.
Besonders in der tierärztlichen Praxis, bei Pflege‑, Handling‑ und Grooming‑Situationen zeigt sich: Tiere, die mit solchen Kooperationssignalen trainiert werden, lassen notwendige, potenziell unangenehme Maßnahmen langfristig ruhiger, sicherer und zuverlässiger zu. Damit knüpfen Kooperationssignale an ein gut belegtes Prinzip der Lernpsychologie an: Unangenehme Ereignisse sind deutlich weniger belastend, wenn man sie aktiv mitgestalten kann, statt sie passiv ertragen zu müssen.
Mit unserem Hund zu arbeiten bzw. zu trainieren, bedeutet auch, dass wir seine Signale lesen lernen und ihm Wahlmöglichkeiten geben. Nur so können wir eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, die erfolgreiches Lernen ermöglicht.
Im übrigen… auch ein „NEIN“ unseres Hundes ist eine Information, mit der wir arbeiten können.
Happy Training!
Quellen (Auswahl):
Langer, E. J., & Rodin, J. (1976). The effects of choice and enhanced personal responsibility for the aged: A field experiment in an institutional setting. Journal of Personality and Social Psychology, 34(2), 191–198.
Rogers, N. (2022). The Importance of Consent Behaviors for Veterinary Procedures. Journal of the IAABC Foundation.
Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On Depression, Development, and Death. San Francisco: Freeman

